Gendermedizinerin und Ärztin für Allgemeinmedizin
Mireille Ngosso ist als Kind mit ihren Eltern aus der Republik Kongo nach Wien gekommen. Strukturellen Rassismus hat sie sowohl als Mitinitiatorin von BlackLivesMatter sowie als Politikerin stets zur Sprache gebracht. Heute gilt sie als Spezialistin für Gendermedizin und erklärt unermüdlich, wie wenig Rücksicht auf individuelle Voraussetzungen in der Medizin genommen wird.
Interview mit Mireille Ngosso vom 28. März 2022. Transkript
Gesundheit darf kein Privileg sein.
Wer im Gesundheitssystem gehört wird, wird anders behandelt. Wer übersehen wird, trägt die Folgen oft ein Leben lang. Mireille Ngosso stellt genau diese unbequemen Fragen: Wessen Schmerzen werden gesehen? Wie viele Klassen kennt unser Gesundheitssystem und behandelt Patienten danach? Welche Körper kommen in Forschung, Ausbildung und Diagnostik überhaupt vor?
Ngosso wurde 1980 in der Demokratischen Republik Kongo geboren und kam als Kind nach Österreich. In Wien wurde sie Ärztin. Später engagierte sie sich politisch in der SPÖ, war auf Bezirks- und Landesebene aktiv und brachte ihre Themen in den Wiener Gemeinderat und Landtag ein: Gesundheit, Frauengesundheit, Bildung, Antirassismus und eine Versorgung, die Menschen nicht nach Herkunft, Geschlecht, Sprache oder sozialem Status unterschiedlich behandelt.
2020 wurde Ngosso einer breiteren Öffentlichkeit als Mitorganisatorin der Black-Lives-Matter-Demonstration in Wien bekannt. Zehntausende Menschen gingen gegen Rassismus auf die Straße. Für Ngosso endet Antirassismus aber nicht beim Protest. Er beginnt auch dort, wo Strukturen über Chancen entscheiden: in Ordinationen, Spitälern, Lehrbüchern, Diagnosen. „Um alle Patienten angemessen behandeln zu können, müssen Unterschiede erkannt und ernst genommen werden“, sagt sie.
Heute arbeitet Mireille Ngosso als Ärztin für Allgemeinmedizin. Sie hält Vorträge, lehrt, schreibt und spricht über diversitätssensible Medizin, Gendermedizin und Diskriminierung im Gesundheitswesen. Ihre Haltung fasst sie klar zusammen: „Wir brauchen dringend eine Medizin, die koloniale Geschichte aufarbeitet und Vielfalt endlich ernst nimmt.“ Als Autorin und Co-Autorin wirkte sie an „Für alle, die hier sind“ und „War das jetzt rassistisch?“ mit. Außerdem engagiert sich die Ärztin als Hospizbotschafterin.
Mireille Ngosso zeigt: Wer über gerechte Medizin spricht, spricht immer auch über Macht. Über Sprache. Über Vorurteile. Und über die Frage, wer in unserer Gesellschaft selbstverständlich mitgemeint ist — und wer noch immer darum kämpfen muss.
Buch „Für alle, die hier sind“ – Mireille Ngosso und Faika El-Nagashi
Black Voices – Die Anti-Rassismus Initiative in Österreich
Mit freundlicher Unterstützung von:
Dr. Barbara Lang, Ärztin für Allgemeinmedizin
